AktivDHKS: Neue Perspektiven für die energetische Sanierung im Bestand
14. September 2026
Wie lassen sich Bestandsgebäude energetisch sanieren, ohne die Nutzung der Wohnungen wesentlich einzuschränken? Und welche Rolle kann die Gebäudehülle dabei als Wärmespeicher sowie als Heiz- und Kühlsystem spielen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forschungsprojekt AktivDHKS der TU Dresden. Am 14. September 2026 wurde das entwickelte System an einem Demonstrator in Dresden vorgestellt.
Die energetische Sanierung im bewohnten Bestand stellt Wohnungsunternehmen vor technische und organisatorische Herausforderungen. AktivDHKS setzt deshalb an der Außenfassade an: Die Wohnungen sollen während der Arbeiten weiter genutzt werden können. Zugleich soll die vorhandene Gebäudemasse für die Wärmeversorgung erschlossen werden.
Die Außenwand als Wärmespeicher und Heizfläche
Eine wassergeführte Kapillarrohrmatte wird zwischen der bestehenden Außenwand und einer neuen Wärmedämmung angebracht. Sie erwärmt die Wand, deren Masse Wärme aufnimmt und zeitversetzt wieder abgibt. Versorgt wird das System durch eine Wärmepumpe; am Demonstrator kommt eine Sole-Wasser-Wärmepumpe zum Einsatz. Im Sommer kann dieselbe Schicht zur Kühlung genutzt werden.
Weil die aktivierte Wand einen Teil der Raumheizung übernimmt, können die vorhandenen Heizkörper im untersuchten Konzept erhalten bleiben und mit niedrigeren Vorlauftemperaturen betrieben werden. Das ist auch für die Wärmepumpe relevant: Niedrigere Vorlauftemperaturen begünstigen ihren effizienten Betrieb. Die Fassade verbindet damit Wärmedämmung, Wärmeabgabe, Kühlung und die Nutzung der Gebäudemasse als Speicher.
Mehr Wärmebedarf – und dennoch weniger Strom für die Wärmepumpe
Ein Ergebnis der Gebäudesimulation verdient besondere Aufmerksamkeit: Gegenüber einer Sanierung mit einem herkömmlichen Wärmedämmverbundsystem steigt in der vollständig aktivierten Variante die jährlich an das Gebäude abgegebene Wärmemenge von 14,0 auf 15,9 MWh – um rund 14 Prozent. Gleichzeitig sinkt der berechnete Strombedarf der Wärmepumpe von 6,8 auf 5,1 MWh pro Jahr, also um 25 Prozent.
Darin liegt kein Widerspruch. Die Aktivierung der Außenwand ist mit zusätzlichen Wärmeverlusten verbunden. Im untersuchten Gesamtsystem kann die Wärmepumpe die benötigte Wärme jedoch bei günstigeren Temperaturniveaus bereitstellen. Für die energetische Bewertung müssen deshalb sowohl die abgegebene Wärmemenge als auch der dafür benötigte Strom betrachtet werden. Die genannten Werte sind Simulationsergebnisse für die untersuchten Varianten und noch keine gemessenen Einsparungen am Demonstrator.
Die aktivierte Schicht liefert in der vollständig belegten Variante rechnerisch 4,9 MWh Wärme im Jahr. Vor allem in der Übergangszeit kann sie einen großen Teil der Heizung übernehmen: In einzelnen Monaten beträgt ihr Anteil bis zu 80 Prozent. Im Winter bleibt die ergänzende Raumheizung wichtig. Für den Sommer weist die Simulation außerdem 3,3 MWh Kühlung über die Fassadenschicht aus. Eine separate Kälteanlage ist in diesem Konzept dafür nicht vorgesehen.
Was das für die Behaglichkeit bedeuten kann
Neben dem Energieeinsatz ist die Wirkung in den Wohnungen von Interesse. Wärmere Innenoberflächen der Außenwände können das Empfinden kalter Wandflächen verringern und zu gleichmäßigeren Raumtemperaturen beitragen. Für den Sommer zeigen frühere Simulationen des Projekts niedrigere Raumtemperaturen durch die Kühlwirkung der aktivierten Fassade.
Auch ein geringeres Schimmelrisiko an kalten Wandflächen ist bauphysikalisch plausibel: Steigt die Oberflächentemperatur, kann sich dort weniger Feuchtigkeit aus der Raumluft niederschlagen. Das hängt allerdings ebenso von Wärmebrücken, Raumluftfeuchte und Lüftung ab. Ob die thermische Aktivierung gegenüber einer üblichen Außendämmung einen zusätzlichen, messbaren Vorteil bringt, ist noch offen.
Jetzt kommt es auf den Betrieb an
Laborversuche und Simulationen haben die Entwicklung begleitet; am Dresdner Demonstrator ist das System inzwischen baulich umgesetzt. Die folgende Monitoringphase soll zeigen, wie sich die Wärme- und Kühlwirkung, der Strombedarf und das Zusammenspiel mit den vorhandenen Heizkörpern unter realen Bedingungen entwickeln.
Für Wohnungsunternehmen ist vor allem die Übertragbarkeit auf unterschiedliche Bestandsgebäude entscheidend. Wandaufbau, energetischer Zustand, Wärmeversorgung und Kühlbedarf können die Ergebnisse erheblich beeinflussen. Auch die Wirtschaftlichkeit lässt sich erst für ein konkretes Gebäude beurteilen. Mit der WiD Wohnen in Dresden GmbH & Co. KG ist bereits ein Unternehmen der Wohnungswirtschaft am Projekt beteiligt. Das Forschungsvorhaben läuft bis 2027.


