Mehr Aufmerksamkeit für kleine Großsiedlungen
15. September 2026
Wie gelingt Zukunftssicherung in kleinen Großsiedlungen? Drei sächsische Beispiele unserer Mitgliedunternehmen zeigen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen können.
Die Studie „Kleine Großsiedlungen in kleinen Städten und im ländlichen Raum“ macht deutlich: Zukunftsfähige Quartiersentwicklung bedeutet längst mehr als klassische Bestandssanierung. Gerade in kleineren Städten übernehmen Wohnungsunternehmen Verantwortung für Wohnqualität, soziale Infrastruktur, Barrierefreiheit, Klimaanpassung und die Stabilisierung ganzer Quartiere.
Nünchritz: Neue Eigentümerstruktur als Impuls für die Quartiersentwicklung
In Nünchritz ist die Wohnungsgesellschaft Nünchritz mbH Eigentümerin von rund 650 Wohnungen. Seit 2008 hält die Wohnungsgesellschaft Riesa mbH 94,5 Prozent der Gesellschaftsanteile. Mit dieser neuen Eigentümerstruktur begann eine umfassende Sanierungsphase.
Ein prägendes Beispiel ist das Projekt am Karl-Liebknecht-Ring 1–7. Aus einer gleichförmigen langen Zeile wurde durch Teilrückbau ein höhengestaffeltes Gebäude. Ein neuer Aufzugsturm und vorgelagerte Laubengänge ermöglichen einen barrierefreien Zugang zu mehreren Hauseingängen. Auch weitere Bestände werden altersgerecht modernisiert.
Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf ältere Bewohnerinnen und Bewohner. Die Gesellschaft möchte ihre Wohnungen ausdrücklich auch für junge Berufstätige und Familien attraktiv halten. Kompakte Grundrisse, die direkte Bahnanbindung und ein Familienbonus zeigen, dass Bestandsentwicklung hier auch als Standortpolitik verstanden wird.
Ergänzt wird dieser Ansatz durch Kooperationen mit sozialen Akteuren. Für Mieterinnen und Mieter mit Unterstützungsbedarf arbeitet das Unternehmen unter anderem mit dem Psychosozialen Trägerverein Sachsen e. V. und der Volkssolidarität zusammen.
Auerbach: Mit Grundrissänderung und Zusammenlegung von Wohnungen gegen den Leerstand
Ein ganz anderer Weg zeigt sich bei der AWO Auerbacher Wohnbau GmbH
Auerbach hat seit 1990 rund 30 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Bereits zwischen 2002 und 2005 wurden deshalb 564 industriell gefertigte Wohnungen zurückgebaut. Gleichzeitig wurden Grundrisse verändert und Wohnungen zusammengelegt, um den Leerstand langfristig auf ein tragfähiges Niveau zu bringen.
Besonders eindrücklich ist die Entwicklung der Volkmarstraße 14–18. Das ursprünglich als Wohnheim für vietnamesische Arbeitskräfte errichtete Gebäude wurde grundlegend saniert. Entstanden sind 45 moderne, behindertengerechte Wohnungen für unterschiedliche Haushaltsgrößen. Hinzu kommen eine Senioren-WG, eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderung sowie Gemeinschaftsräume. Zwei neue Aufzüge und umgestaltete Eingangsbereiche ermöglichen eine vollständig barrierefreie Erschließung.
Auch der benachbarte Block Volkmarstraße 8–12 wurde nicht aufgegeben, sondern nach Teilrückbau umfassend modernisiert. Zwei Geschosse wurden abgetragen, Grundrisse verändert und barrierearme Wohnungen mit großzügigen Balkonen geschaffen.
Mindestens genauso wichtig ist das Wohnumfeld: barrierefreie Wege, Grün- und Spielflächen, Hochbeete, Pavillon und Ruhezonen verbinden die Wohnanlage mit den umliegenden Angeboten. Die Studie beschreibt die Volkmarstraße deshalb als Beispiel für eine sozial gemischte Wohnanlage, in der bauliche Anpassung und soziale Infrastruktur zusammengedacht werden.
Olbersdorf: Demografischen Herausforderungen und Rückbau für mehr Freiräume und Lebensqualität
Die KWV Kommunale Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Olbersdorf mbH steht wiederum vor besonders tiefgreifenden demografischen Herausforderungen.
Die Grundbachsiedlung entstand ursprünglich als Bergbau-Ersatzwohngebiet mit 1.695 Wohnungen. Nach dem Ende der Kohleförderung entwickelte sich jedoch ein langfristiger struktureller Leerstand. Heute befinden sich noch 1.075 Wohnungen im Eigentum der KWV, die damit größter Vermieter im Quartier ist.
Besonders interessant sind die aktuellen Projekte am Zum Grundbachtal. Dort wurden mehrere Geschosse abgestuft zurückgebaut, Balkone ergänzt und auf den jüngsten Teilrückbauprojekten extensiv begrünte Dächer angelegt. Die Verbindung von Rückbau, energetischer Sanierung und Klimaanpassung zeigt, dass auch schrumpfende Quartiere eine gestalterische und ökologische Perspektive haben können.
Parallel investiert die KWV in das Wohnumfeld. Auf früheren Freiflächen entstanden Sport-, Aufenthalts- und Grünangebote für unterschiedliche Altersgruppen. Damit wird deutlich: Rückbau muss nicht Verlust bedeuten – er kann auch neue Freiräume und neue Qualitäten schaffen.
Die Wohnungsunternehmen reagieren nicht nur auf Leerstand oder Sanierungsbedarf – sie gestalten aktiv die Zukunft ihrer Orte.
Sie schaffen Barrierefreiheit, verändern Grundrisse, bauen gezielt zurück, entwickeln soziale Angebote, werten das Wohnumfeld auf und denken neue Zielgruppen mit.
Gerade für kleine Städte ist diese Rolle kaum zu überschätzen. Denn dort entscheidet die Qualität der Wohnungsbestände oft unmittelbar mit darüber, ob Menschen bleiben, zurückkehren oder neu zuziehen.
Die drei Projekte zeigen sehr anschaulich, dass Transformation im Bestand gelingen kann – wenn sie langfristig gedacht, wirtschaftlich tragfähig und eng an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausgerichtet wird.
Weitere Informaionen zur Studie „Kleine Großsiedlungen in kleinen Städten und im ländlichen Raum“